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Über das Schicksal der Familie in den fünf Jahren bis 1933 ist nur wenig bekannt, denn in den bisher gefundenen Teilen von „Eine Frau“ wird diese Zeit nicht mehr geschildert, und es leben keine Personen mehr, die sich noch an diese Zeit erinnern und die man befragen könnte. Es existieren einige Fotografien der Kinder aus diesen Jahren, wobei unbekannt ist, wann Maidi wieder nach Berlin gekommen ist. Es ist naheliegend zu vermuten, dass dies nach dem Tod ihrer Großmutter Anna im Oktober 1928 geschehen sein könnte. Es gibt aber noch einige amtliche Unterlagen aus dieser Periode.

    Die Ehe mit Raddatz wird im Juli 1928, also erst nach der Geburt Alexanders, geschieden. Die Entscheidungsgründe im Urteil klingen wie eine Parodie der tatsächlichen Verhältnisse:

Auf Grund des gerichtlichen Ge­ständnisses der Beklagten, das nach der ganzen Sachlage glaubhaft erschien, ist für erwiesen erachtet, dass die Beklagte bis in die Gegenwart mit dem Schriftsteller Alexander Tanaroff sich duzt und Zärtlichkeiten austauscht.

Johannes Raddatz klagt dann beim Vormundschaftsgericht Berlin Mitte auf Unehelichkeitserklärung des Kindes, die schließlich am 17. April 1929 durch rechtskräftiges Urteil festgestellt wird. Offenbar erhält das Kind irgendwann danach den Namen Grothendieck. Am 28.6.1929 erscheint „der Schriftsteller Alexander Tanaroff“ im Jugendamt Berlin-Mitte und erklärt, Vater des Kindes zu sein. Er verpflichtet sich für das Kind bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres Unterhalt in Höhe von 120 Reichsmark vierteljährlich zu zahlen. Als seine Adresse ist angegeben: „Spandauer Str. 27, Stfl. IV, b. Wolff“. Es scheint also, dass er nicht oder jedenfalls nicht ständig in der Brunnenstraße zusammen mit Hanka gewohnt hat. Im übrigen wird damaligem Recht entsprechend für das Kind eine Vormundschaft bestellt, die von dem Jugendamt wahrgenommen wird.

     Das Fotoatelier ist in den Berliner Adressbüchern der Jahre 1929 und 1930 (aber nur in diesen) erwähnt: Grothendieck-Raddatz, Hanka, Photogr. Atelier, N54, Brunnenstr. 165 HIII. Man wird also vermuten dürfen, dass dieses Atelier mindestens zwei Jahre bestanden hat, von Ende 1927 bis 1930. Ob die Einnahmen ausgereicht haben, um die Familie zu unterhalten, erscheint eher zweifelhaft. Vielleicht hat Sascha weiterhin auch als Straßenfotograf gearbeitet und Hanka gelegentlich als Journalistin. Ab 1931 finden sich keine Einträge „Grothendieck“ mehr in Berliner Adressbüchern. Es ist eine naheliegende Vermutung, dass sie sich die Miete für Wohnung und Atelier in der Brunnenstraße nicht mehr leisten konnten und gezwungen waren das in „Eine Frau“ geschilderte Leben wieder aufzunehmen: Vorübergehend bei allen möglichen Bekannten und Freunden unterkriechen, zur Untermiete in Kellerräumen oder Dachwohnungen hausen, immer vom

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