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Kurz vor Beginn des 2. Weltkrieges bekamen wir einen Brief aus Berlin, in dem ein uns unbekanntes Ehepaar anfragte, ob Wilhelm und ich wohl geneigt wären, ihren bald 5-jährigen Jungen in unser Heim aufzunehmen. Ihr Mann und sie wären Schriftsteller, schrieben an einem größeren Werk, für das sie eine Reise um die Welt antreten wollten. Sie könnten uns freilich zunächst nur M 100,- pro Monat geben, würden uns aber selbstverständlich, sobald ihr großes Werk hiausgegangen wäre, in jeder Weise schadlos halten.

    Wilhelm und ich erklärten uns sofort dafür bereit, denn das versetzte uns in die Lage, für unsere anderen Kinder, für die wir vom Staat nur M 20,- pro Kind und Monat bekamen, besser zu sorgen. Die Mutter verabredete dann, uns den kleinen Schurik gleich nach Weihnachten zu bringen.

    Das Weihnachtsfest war mit viel Lärm und großem Jubel der vielen Kinder vorüber gegangen, als es kurz danach um die Mittagszeit klingelte. Vor mir stand eine große dunkel gekleidete Frau mit einer hohen Pelzmütze, in der Hand einen verschnürten Pappkarton, neben ihr ein kleiner Junge mit bis auf die Schultern fallenden schwarzen Haaren, einem viel zu großen schwarzen Paletot, dessen Ärmel über die Fingerspitzen fielen und großen schief-getretenen Stiefeln in der Hand ein Netz, durch dessen Maschen man ein Paar Pantoffel, einen Teddy-Bären und anderes Spielzeug sah. Die ca. 40-jährige Frau stellte sich vor „Ich bringe den Kleinen“. Ich führte sie ins Zimmer und kaum hatte sie es betreten, sprach sie mit atemloser Stimme: „Es ist alles nicht wahr, was ich Ihnen geschrieben habe. Wir haben nichts, gar nichts. Um hierher zu kommen, mußte ich in Berlin mein Bett verkaufen“ worauf der Kleine sie unterbrach „Ja, und mein Bett wollte der Trödler nicht haben, es waren zu viele Wanzen darin.“ Die Frau sprach weiter: „Mein Mann ist staatenlos, Russe. Er wurde infolge des Reichs­tagsbrandes mit allen Staatenlosen verfolgt und floh nach Frankreich. Ich muß zu ihm, muß ihm helfen, er hat nur 1 Arm. Man gibt mir aber nur meinen Paß zurück, wenn ich das Kind hier in Deutschland untergebracht habe.“ Dann flehte sie: „Bitte, bitte nehmen sie mein Kind. Ich muß heute Nacht noch fort und muß es irgendwo lassen ... sonst!“ Und dann schwieg sie. Eine Angst um das Kind packte mich. Während die Mutter sprach, hatte er mit weit über seine Jahre hinaus gereiften Augen mich angesehen, ganz ernst und feindlich. Mit Sekundenschnelle überlegte ich mir, ob ich das Kind noch dazu nehmen könnte zu meinen anderen, ob ich genug zu leben für ihn hätte. Dann ging ich zu Wilhelm und erzählte ihm alles und daß wir den kleinen Schurik nun wohl als Eigenen immer behalten müssen. Er sagte: „Wenn Du meinst, daß Du genug hast, auch für ihn, dann wird es schon gehen!“

    Als ich der Mutter unsere Einwilligung brachte, sagte sie: „Ich habe aber noch 3 Bitten, bevor ich Ihnen mein Kind hierlasse:

1. Sprechen Sie ihm niemals von Gott, mein Mann und ich haben ihn bisher niemals belogen,

2. Schicken Sie ihn in keine Schule, lassen Sie ihn von Ihrem Mann Unterricht geben und

3. Schneiden Sie ihm nicht die Haare ab!

    Ich sah sie etwas verblüfft an und sagte: „Dieses kann und will ich Ihnen nicht erfüllen und deshalb ist es doch besser, Sie nehmen den Jungen wieder mit.“ Ganz erschrocken sagte sie: „Das macht dann auch nichts, wenn Sie es nicht wollen. Sie werden sehen: Er ignoriert doch alles!“

    Ich sagte: „Nun wollen wir ihn aber zu Bett bringen“ und ging die Treppe mit ihm nach oben. Als ich zurückkam, war sie schon zum Bahnhof gegangen.  (...)

    Nun war die Mutter abgereist, ohne Abschied. Nie wieder hörte ich eine Frage nach ihr von des Kindes Lippen. Zwischen ihm und mir entspann sich bald ein sehr liebes warmes Verhältnis. Er nannte uns Dagmar und Wilhelm, war nicht dazu zu bewegen, Onkel und Tante zu sagen. Er war ein sehr kluges

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