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nachdenkliches Kind, dem man die beiden Racen, die in ihm lebten, äußerlich ansah. (...) Schurik hatte ein feingeschnittenes und interessantes Gesicht, eine hohe Stirn, auf die die schwarzen seidenen glänzenden Haare fielen, lebhafte schwarz-bewimperte Augen und ein rotes Mündchen. Es war nicht so leicht mit ihm umzugehen. Er war gar nicht „erzogen“ (mein Mann nannte es „dressiert“), sagte weder danke, noch bitte, noch guten Tag. Wir verlangten das auch nicht von ihm, bestimmt glaubend, dass dieser intelligente Junge ganz von selbst sich hineinfinden würde in unseren Familienkreis und das wurde auch so.

    Besuch von Verwandten, wie die anderen, hatte er nie. Trotzdem seine Großeltern in Hamburg lebten mit mehreren erwachsenen Kindern. Niemand besuchte ihn, er war einfach nicht für sie da. So nahmen wir ihn auf unseren kleinen Fahrten und Ausflügen mit und meine liebe Jugendfreundin, die ihn später in den Schulferien wochenlang in ihrem herrlichen Waldhaus, bei Ahrensb. bei sich hatte, liebte ihn auch und verstand ihn. (...)

    Dann kam Schurik zur Schule und ein strahlend glückliches Kind kam täglich von dort nach Haus. Nach wenigen Wochen ließ mich sein Lehrer rufen und schlug uns vor, diesen hochbegabten Jungen doch schon eine Klasse höher zu versetzen. (...) Das wurde nachher von der Sexta aus auf dem Gymnasium auch so gemacht. Er war ganz frei allen Menschen gegenüber, ohne Lüge und Hemmung. (...)

    In dem Jahr, da Schurik auf das Gymnasium gekommen war, machte der Klassenlehrer mit ihnen eine Fahrt nach Hagenbecks Tierpark in Hamburg. Am Tag danach hatten sie in der Schule einen Aufsatz über die Fahrt und die Tiere zu schreiben. Als Mittags Schurik nach Hause kam, gab er Wilhelm und mir das Heft: „Der Lehrer sagte, ich solle es Euch zu lesen geben und morgen wieder zur Schule bringen.“ Wir schlugen es auf und fanden unter dem Aufsatz von Schurik mit roter Tinte von dem Lehrer geschrieben: „Beachtliche novellistische Leistung!!“

             - . - . - . - . - . - . - . –

Nun standen dunkle gefährliche Zeiten vor der Tür. Der Krieg war ausgebrochen. Mein Herz bangte um Schurik. Wilhelm und ich standen in der Widerstandsbewegung. Hausdurchsuchungen setzten bei uns ein, die fremden Kinder nahm man uns und bespitzelte uns. Es gelang uns noch, Schurik als Sohn einer deutschen Lehrerin zu schützen, aber lange ging es nicht mehr. Da fuhr ich nach Hamburg, ging ins franz. Consulat, erzählte von Schurik und bat den Konsul, in Frankreich nach dem Verbleib seiner Eltern zu forschen. Nach einigen Wochen erhielt ich die Nachricht, daß die Mutter als Lehrerin in Nizza, der Vater als Straßen-Fotograf in Paris lebe. Das Konsulat setzte sich mit ihnen in Verbindung und bald bekamen wir die Aufforderung, den Jungen nach Paris zum Vater zu schicken. Schurik sagten wir das erst am Tag vor seiner Abreise. Er klammerte sich an mich und sagte immer wieder: „Dagmar, ich komme aber wieder, ich will doch zur Schule.“ Und dann fuhr unser Liebling davon. (...) Es glückte alles, trotzdem er seinen Vater nicht mehr erkannte und dieser nicht ihn. Nach 2 Tagen erhielt ich von diesem eine mit der linken Hand geschriebene Karte mit den wenigen Worten: „Dank, Dank, so etwas vergisst man nie! Sascha.“

    Nur einmal schrieb Schurik noch, dann hörte durch den Krieg der ganze Postverkehr auf. (...)

So war das nicht einmal sechsjährige Kind innerhalb von wenigen Monaten ohne für ihn verständlichen Grund von beiden Eltern, von Vater und Mutter, verlassen worden, ohne Abschied, ohne Erklärung und ohne Versprechen oder Hoffnung für die Zukunft. Es kann überhaupt kein Zweifel bestehen, dass dieses traumatische Erlebnis

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