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Grothendiecks ganzes Leben geprägt hat, und es erklärt – jedenfalls teilweise – dass er selbst in ähnlichen Situationen später ähnlich gehandelt hat.

    Die Zeitangaben in Dagmar Heydorns Bericht sind teilweise unklar und unzutreffend und sollen daher jetzt ergänzt und korrigiert werden; auch in Bezug auf den Besuch des Gymnasiums gibt es Unstimmigkeiten: Alexander wurde offenbar in den letzten Dezembertagen 1933 zu den Heydorns gebracht. Im März des folgenden Jahres wurde er sechs Jahre alt. Ab Ostern 1934 müsste er also eigentlich die Volksschule besucht haben, nach Dagmars Bericht insgesamt drei Jahre. Da er, wie er selbst schreibt (siehe das folgende Zitat), in Deutschland nur ein Jahr auf das Gymnasium gegangen ist, scheint er jedoch erst Ostern 1935 eingeschult worden zu sein und wechselte Ostern 1938 auf das Gymnasium. Laut Klassenbuch besuchte er im Schuljahr 1938/39 die 1. Klasse; offenbar hat er also nicht eine Klasse übersprungen. (Bei dieser Gelegenheit sollen noch zwei weitere Ungenauigkeiten berichtigt werden: Hanka Grothendieck lebte in Nîmes, nicht in Nizza, und Sascha Schapiro hatte den linken Arm verloren, nicht den rechten.)

    In dem Klassenbuch finden sich für die beiden Halbjahre folgende zusammenfassenden Beurteilungen: ...

    In dem Bericht von Dagmar Heydorn deutet sich etwas an, das für das ganze Leben Grothendiecks bestimmend werden sollte. Gemeint sind die Sätze:

Es war nicht so leicht mit ihm umzugehen. Er war gar nicht „erzogen“ (mein Mann nannte es „dressiert“), sagte weder danke, noch bitte, noch guten Tag. Wir verlangten das auch nicht von ihm, bestimmt glaubend, dass dieser intelligente Junge ganz von selbst sich hineinfinden würde in unseren Familienkreis und das wurde auch so.

Man sollte das nicht als unbedeutende vorübergehende Schwierigkeit ansehen: Schon als kleines Kind lebte Grothendieck nach seinen eigenen Gesetzen, in seiner eigenen Welt. Sich in gesellschaftlich akzeptierte Normen zu fügen, fiel im schwer, war ihm vielfach unmöglich. Und im Ganzen hat sich Dagmar Heydorns Hoffnung, dieser intelligente Mensch werde sich von selbst hineinfügen, nicht erfüllt. Es bleibt allerdings die Frage, ob er sich nicht „hineinfügen“ konnte oder nicht wollte.

Grothendieck selbst erwähnt an verschiedenen Stellen in ReS (z.B. S. 472 – 473)  seine Hamburger Jahre, und es ist vielleicht interessant, diese beiden Berichte gegenüber zu stellen. Wir erfahren dabei zugleich einiges über seine Pflegeeltern, was in späteren Kapiteln noch ergänzt werden wird:

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