X hits on this document

478 views

0 shares

0 downloads

0 comments

56 / 88

Ich war noch nicht sechs Jahre alt, als 1933 die erste entscheidende Wende in meinem Leben eintrat, zugleich auch eine entscheidende Wende im Leben meiner Mutter und meines Vaters, in ihren Beziehungen zu einander und zu uns Kindern. Es ist die Geschichte der gewaltsamen und endgültigen Zerstörung der Familie, die wir vier gebildet hatten ... ... Im Dezember 1933 wurde ich in aller Eile in eine fremde Familie verfrachtet, die weder ich, noch meine Mutter, die mich von Berlin hergebracht hatte,  jemals zuvor gesehen hatte. Tatsächlich waren diese Leute, bei denen sie mich ablieferte, einfach die ersten, die bereit waren, mich für eine mehr als bescheidene Zahlung als Pflegekind aufzunehmen, dazu ohne jede Garantie, dass sie jemals wirklich bezahlt würden. Meine Mutter hingegen schickte sich an, so schnell wie möglich zu meinem Vater zu gelangen, der sie ungeduldig in Paris erwartete. Es war eine ausgemachte Sache für meine Eltern, dass so alles am besten wäre, für mich in Blankenese und auch für meine Schwester, die nach langem Hin und Her seit einigen Monaten in Berlin in eine Anstalt für behinderte Kinder abgeschoben worden war. (Man hatte sie gerne aufgenommen, obwohl sie nicht mehr behindert war als ich oder meine Eltern).

    Nach sechs seltsamen Monaten, voller ungewisser Vorahnungen und voller Ängste, fand ich mich schließlich von einem Tag zum anderen in einer vollständig fremden Welt wieder, anders als die Welt meiner Eltern, meiner Schwester und von mir selbst, wie ich sie bis dahin gekannt hatte. Ich fand mich dort in einer Gruppe von Pflegekindern, die getrennt von der Familie aßen und von den Kindern der Familie als Kinder zweiter Klasse betrachtet wurden; jene waren eine Gemeinschaft für sich und sahen auf uns herab. Während der ganzen fünf Jahre, die ich dort verbrachte (bis ich schließlich 1939 am Vorabend des Krieges unter dem Druck der Ereignisse zu meinen Eltern zurück kehrte), erhielt ich von meiner Mutter dann und wann einen in Eile geschriebenen, geschraubten Brief und von meinem Vater niemals auch nur eine einzige Zeile von seiner Hand 32.

    Das Ehepaar, das mich aufgenommen hatte, begegnete mir schnell mit Zuneigung. Sowohl er – ein ehemaliger Pastor, der den Kirchendienst quittiert hatte und von einer mageren Pension und Nachhilfestunden in Latein, Griechisch und Mathematik lebte –, als auch sie – eine vor Leben und manchmal auch Mutwillen sprühende Frau – waren für mich außergewöhnliche Menschen, anziehend in vieler Hinsicht. Er war ein Humanist von umfassender Bildung, der sich ein wenig in die Politik verirrt hatte und mit dem Nazi-Regime auf Kriegsfuß stand, bis sie ihn schließlich in Ruhe ließen. Nach dem Krieg habe ich die Beziehung wieder angeknüpft und bin mit beiden bis zu ihrem Tod in Verbindung geblieben.

    Von ihm und besonders von ihr habe ich, wie von meinen Eltern, sowohl Bestes als auch Schlimmstes empfangen. Heute, in großem zeitlichen Abstand, bin ich ihnen (wie auch meinen Eltern) dankbar für dieses „Beste“ und auch für das „Schlimmste“.

Über seinen Schulbesuch schreibt Grothendieck zu Beginn von ReS:

Als ich ein kleines Kind war, bin ich gerne zur Schule gegangen. Wir hatten denselben Lehrer, der uns unterrichtete: im Lesen und im Schreiben, im Rechnen, im Singen (er spielte auf einer kleinen Geige um uns zu begleiten), der uns von prähistorischen Menschen und von der Entdeckung des Feuers erzählte.

32  Die Bemerkung über den Stil der mütterlichen Briefe ist vermutlich durchaus zutreffend. Der einzige Brief, den ich von Hanka Grothendieck kenne (an Dagmar Heydorn), ist tatsächlich in einem schwer erträglichen Stil verfasst, wie man ihn bei einer Schriftstellerin nicht vermuten würde.

Document info
Document views478
Page views479
Page last viewedSat Dec 03 17:26:48 UTC 2016
Pages88
Paragraphs551
Words35286

Comments