X hits on this document

494 views

0 shares

0 downloads

0 comments

57 / 88

Ich erinnere mich nicht daran, dass wir uns jemals in der Schule gelangweilt hätten. Es gab den Zauber der Zahlen und der Wörter, der Zeichen und der Töne. Auch den Zauber der Reime in den Liedern und in kleinen Gedichten. In den Reimen schien mir – jenseits der Wörter – ein Geheimnis zu sein. Das blieb so, bis mir eines Tages jemand den einfachen Trick erklärte: im Reim müssten nur die Wörter zweier nach einander gesprochener Zeilen mit derselben Silbe enden, um dann plötzlich wie durch Zauberei zu Versen zu werden. Welche Offenbarung war das! Zu Hause, wo man auf mich einging, vergnügte ich mich Wochen und Monate lang damit, Verse zu machen. Zu einer bestimmten Zeit habe ich nur noch in Reimen gesprochen. Das ist glücklicherweise vorübergegangen. Aber bis heute überkommt es mich gelegentlich, Gedichte zu machen – aber ohne Reime zu suchen, wenn sie sich nicht von selbst einstellen.

    Ein anders Mal hat ein etwas älterer Freund, der schon auf das Gymnasium ging, mir die negativen Zahlen erklärt. Das war ein anderes lustiges Spiel, aber sehr schnell auch langweilig. Und dann gab es noch die Kreuzworträtsel – ich habe Tage und Wochen damit verbracht, sie zu fabrizieren, immer und immer komplizierter. Bei diesem Spiel trifft die Magie der Form mit der der Zeichen und Wörter zusammen. Auch diese Leidenschaft ist vorübergegangen, anscheinend ohne Spuren zu hinterlassen.

    Auf dem Gymnasium, das ich ein Jahr in Deutschland und anschließend in Frankreich besuchte, war ich ein guter, aber nicht ein „brillanter“ Schüler. Ich beschäftigte mich ohne viel zu überlegen mit dem, was mich am meisten interessierte, und neigte dazu, das was mich weniger interessierte zu vernachlässigen, ohne mir groß Sorgen um die Beurteilung des betreffenden „Paukers“ zu machen. ...

Alexander Grothendieck hat verneint, dass er in der Familie Heydorn eine glückliche Kindheit verlebt habe. Er empfand es als kleines Kind ungerecht und erniedrigend, dass die Pflegekinder nicht zusammen mit der Familie die Mahlzeiten einnahmen, und als er selbst nach einiger Zeit dann doch mit der Familie essen durfte, empfand er das gegenüber den anderen Pflegekindern nur als noch ungerechter. Jedenfalls sagte er, dass, soweit er dort glücklich war, dies weniger an den Heydorns lag, als an der Beziehung zu einer Freundin Dagmars, Tante Thea ( ... ) in Ahrensburg, wo Schurik mehrfach die Ferien verbrachte, und vor allem zur Nachbarfamilie Rudolf und Gertrud Bendt. Vielleicht muss man diese Einschätzung auch nicht ganz wörtlich nehmen: Die Heydorns hatten jedenfalls den Eindruck, dass der kleine Schurik bei ihnen glücklich war, und diese Aussage hat ebenfalls Gewicht.

    Was die Familie Bendt betrifft, so beschreiben sowohl Grothendieck selbst, als auch ein Sohn Wilhelm Heydorns Rudolf Bendt (1900 – 1972) als einen einfachen aber „ganz besonderen“ Menschen.

Er war ein Mensch von großer Einfachheit, von bescheidenem Wesen und geringer Bildung, aber ausgestattet mit spontaner und unmittelbarer Zuneigung zu allem, was ein menschliches Gesicht hatte, bedingungslos und unerschöpflich. Er strahlte Liebe aus, so einfach und so natürlich wie eine Blume ihren Duft. Alle Jungen bewunderten ihn, und in meiner Erinnerung sehe ich ihn immer mit zwei oder drei um sich herum, die seine vielfältigen Beschäftigungen verfolgten.

Document info
Document views494
Page views495
Page last viewedMon Dec 05 00:52:44 UTC 2016
Pages88
Paragraphs551
Words35286

Comments