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[...] Die Erwachsenen, unwillkürlich berührt von seinem spontanen Charme ohne jedes Getue und von seiner Ausstrahlung, zeigten ihm gegenüber eine halb rührende, halb herablassende Sympathie und nahmen gerne seine guten Dienste in Anspruch, umgaben sich aber gleichzeitig mit der überlegenen Aura von Wohltätern. Ich bin mir sicher, dass Rudi mit seinen offenen und klaren Augen dieses Gehabe geradewegs durchschaute.

Nach dem Weltkrieg hat sich das Verhältnis zu den Bendts noch lange erhalten: ... Wie so viele andere sind auch diese Briefe verloren gegangen.

    Rein äußerlich müssen die Lebensumstände recht günstig gewesen sein. Das Haus der Heydorns lag in einer damals noch beinahe ländlichen Gegend, etwas oberhalb des Ortskernes von Blankenese. Zu dem Haus gehörte ein großes Gartengrundstück, ganz in der Nähe erstreckte sich der Wald. Sowohl zur Volksschule als auch zum Gymnasium ging man zu Fuß in weniger als zehn Minuten entlang schöner Einfamilienhäuser mit ausgedehnten Gärten. Auch wird Alexander in diesen Jahren mit gebildeten und kultivierten Menschen in Berührung gekommen sein, die seine intellektuellen Fähigkeiten förderten. Es gab auch einige Blankeneser Bürger, die die Heydornschen Pflegekinder finanziell unterstützten. Im Falle Alexanders beteiligte sich insbesondere ein jüdischer Kaufmann an den Kosten, an dessen Namen sich heute niemand mehr erinnern kann.

    Der Bericht von Dagmar Heydorn, aus dem oben zitiert wurde, soll jetzt noch ein wenig ergänzt werden. Die Heydorns hatten in den dreißiger Jahren jeweils gleichzeitig etwa vier bis sechs Pflegekinder, für die sie sorgten, z.T. sicher aus schwierigen sozialen Verhältnissen – typisch das (schon fast sprichwörtliche) uneheliche Kind einer Dienstmagd. Es scheint, dass keine engere Freundschaft zwischen Schurik und einem dieser Kinder bestand. Ein Sohn der Familie Heydorn erinnert sich vielmehr, dass „Schurik eigentlich immer mit Erwachsenen zusammen war“. Die Hamburger Verwandten, insbesondere der Großvater Albert, haben ihn tatsächlich niemals besucht; allerdings ist die Halbschwester Maidi einige Male bei den Heydorns gewesen; es gibt mehrere Fotografien, die beide Kinder zusammen mit den Heydorns und anderen Personen zeigen.

    Auch wenn damit zeitlich etwas vorgegriffen wird, soll an dieser Stelle schon gesagt werden, dass nach dem Krieg Grothendieck die Heydorns mehrmals besucht hat, manchmal mit der ganzen Familie, die dann im Garten der Heydorns zeltete. Es bestand auch brieflicher Kontakt, zuerst zu Wilhelm und Dagmar Heydorn, dann zu der Schwiegertochter Ursula (genannt Utta), der erst nach dem endgültigen „Verschwinden“ Grothendiecks Mitte 1991 aufhört. Diese Briefe scheinen aber alle verloren gegangen zu sein. Auch die Heydorns haben Grothendieck und seine Familie in Frankreich mehrmals besucht. In ihren Fotoalben befinden sich

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