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Abitur nach, verließ aber schließlich 1902 wegen gesundheitlicher Probleme den Militärdienst. Inzwischen war er wieder zum Protestantismus übergetreten, und er begann 1902 in Kiel das Studium der evangelischen Theologie. Ordiniert wurde er im Oktober 1905. Drei Jahre später übernahm er eine Pfarrstelle in Breslau, 1910 eine auf Fehmarn. Von Beginn an war er publizistisch tätig, und schon sehr bald kam es zu Schwierigkeiten mit den Kirchenbehörden, da er von der offiziellen Linie abweichende theologische Positionen vertrat (z.B. Ablehnung der Sakramente und die Überzeugung, dass man über das Jenseits nichts wissen könne). Ein besonderes Anliegen war ihm die Förderung der Jugend durch Veranstaltungen verschiedens­ter Art. 1909 heiratete er Dagmar Huesmann, eine in Riga geborene Hamburgerin. Um seine theologische Position klar zu stellen, veröffentlichte er ohne reformatorische Absicht 100 Thesen, die er in „richtig“ und „falsch“ einteilte. Diese sorgten für erhebliches öffentliches Aufsehen. 1911 wurde ein Disziplinarverfahren eingeleitet; wegen seiner Erfolge als Pastor blieb es bei einer Ermahnung. Ein Jahr später bewarb er sich um die als liberal geltende freie Pfarrstelle St. Katharinen in Hamburg. Konservative Geistliche liefen Sturm gegen diese Bewerbung, der Fall wurde ausführlich in der Presse diskutiert, aber schließlich setzte sich die fortschrittliche Fraktion durch. In diesem sozialdemokratisch geprägten Arbeiterviertel wirkte Heydorn in der praktischen Arbeit sehr erfolgreich, aber es kam erneut zu Disziplinarverfahren. Während des Weltkrieges kamen dazu noch Auseinandersetzungen mit den Militärbehörden, weil er z.B. „Beten für den Sieg“ ablehnte. Er wurde sogar zu einer Geldstrafe verurteilt. Innerlich entfremdete er sich der Amtskirche immer mehr. 1918 begründete er in Hamburg die später als Weltreligion anerkannte aus Persien stammende Religion der Bahai; er verließ allerdings schon im gleichen Jahr wieder diese Religionsgemeinschaft. 1919 veröffentlichte er einen Artikel unter dem Titel „Fort mit der Kirche!“. Das Unvermeidliche geschah: 1920 wurde er suspendiert, ein Jahr später seines Pastorenamtes enthoben. Im gleichen Jahr trat er aus der Kirche aus.

    Was tat Heydorn nach seiner Amtsenthebung? Er studierte an der Hamburger Universität drei Jahre lang Medizin, gab freireligiösen Unterricht an Hamburger Schulen, arbeitete als Heilpraktiker und wirkte als Erzieher in verschiedenen Institutionen zur Förderung der Arbeiter. Abgeschlossen hat er sein Medizin-Studium nicht. Von 1926 bis 1928 studierte er erneut und legte die Prüfung für Volksschullehrer ab. Er wurde als Hilfslehrer eingestellt, wirkte an einer Versuchsschule und als Hauslehrer für körperbehinderte Kinder. 1930 gründete er die idealistische Ziele verfolgende „Menschheitspartei“, die z.B. einen nicht gewinnorientierten Lebensmittelladen einrichtete.

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