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Ab 1933 bereiteten die Nationalsozialisten dem pädagogischen, theologischen, publizistischen und politischen Wirken Heydorns ein Ende. 1935 wurde er aus dem Schuldienst entlassen, vier Jahre später von einem Sondergericht wegen „staatsfeindlicher Schriften“ verurteilt. Seine Bibliothek wurde beschlagnahmt. Durch Nachhilfeunterricht (offenbar unterstützten ihn einige Blankeneser Bürger, indem sie ihre Kinder zu ihm schickten) und ähnliche Notbehelfe hielt die Familie sich bis Kriegsende über Wasser. Auch erhielt er nach wie vor eine kleine Rente aus seiner Militärdienstzeit.

    Schon 1918 hatte die Familie auf Grund einer Erbschaft ein noch heute vorhandenes Haus in Blankenese erworben, das immer mehr zum Lebensmittelpunkt der Familie wurde. Hier verfasste Heydorn seine Schriften, hier wuchsen auch in den dreißiger Jahren die Pflegekinder, darunter Schurik Grothendieck, auf. In Blankenese und in seinem Ferienhaus auf Fehmarn schrieb Heydorn wissenschaftliche Arbeiten und seine Lebenserinnerungen. Nach dem Krieg gründete er die Menschheitspartei neu; Erfolg war ihm damit nicht beschieden. Zeit seines Lebens war er sehr freigiebig und immer zu großen persönlichen Opfern bereit. Er befolgte eine asketische Lebensführung, war Vegetarier, Antialkoholiker und Nichtraucher. Sein Lebensziel war die „Versittlichung der Menschheit“; man kann ihn in die (nicht kleine) Reihe der Lebensreformer der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einordnen. Sicher ist er ganz weitgehend gescheitert. Sein theologischer Ansatz hat weder in Theorie noch in Praxis Resonanz gefunden, die von ihm gegründeten Organisationen hatten keinen Bestand, sein pädagogisches Wirken blieb zeitgebunden.

    Warum wurde sein ungewöhnlicher Lebenslauf jetzt doch recht ausführlich geschildert? Es kann kaum ein Zweifel bestehen, dass Wilhelm Heydorn in dieser für Alexander kritischen Zeit eine Vaterrolle übernommen hat, auch wenn die emotionale Bindung an Dagmar Heydorn als Ersatzmutter stärker war, auch wenn Alexander vielleicht beide Pflegeeltern innerlich abgelehnt hat. Heydorn hat ihm vorgelebt, dass ein Leben in der ständigen Auseinandersetzung mit allen „offiziellen“ Institutionen möglich ist. Auch wenn er gescheitert ist, war er gewiss mehr als ein etwas rechthaberischer Querkopf. Rein äußerlich haben die Lebenswege Heydorns und Grothendiecks wenig gemeinsam, aber es scheint mindestens denkbar, dass Wilhelms Leben doch eine Art Vorbild war. Und schließlich ist vielleicht nicht gering einzuschätzen, dass diese fünf Jahre die einzigen in Alexanders Kindheit und Jugend gewesen sind, in denen er in „geordneten Verhältnissen“ gelebt hat.

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