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    Es gibt weiterhin eine ganze Reihe autographischer Berichte aus dem Lager, z.B. von Bruno Frei „Die Männer von Vernet“ oder von Arthur Koestler „Abschaum der Erde“ 41, das im übrigen auch ein Augenzeugenbericht über den spanischen Bürgerkrieg ist. Vor allem das Buch von Frei enthält eine Fülle von Informationen und vermittelt ein anschauliches Bild der Zustände im Lager. Es ist zwar im wesentlichen aus orthodoxer kommunistischer Sicht geschrieben, aber nicht so penetrant wie das von Heinze. Leider ist Sascha nicht in dem Buch genannt 42. Koestler war von Anfang Oktober 1939 bis Januar 1940 in Vernet, also möglicherweise vor Sascha. Die Zustände in dem Lager dürften sich aber später womöglich noch verschlimmert haben. Wir zitieren jetzt aus „Abschaum der Erde“:

Das Lager wurde mit einer für die französische Verwaltung typischen Mischung aus Dummheit, Korruption und Laisser-faire geleitet.

    Le Vernet war etwa zweitausend Morgen groß. Aus der Entfernung sah man zunächst nur ein Gewirr von Stacheldraht; ein dreifacher Stacheldrahtzaun und parallellaufende Gräben sicherten das Lager ab. ...

    Im Lager gab es drei Sektionen: A, B und C. Sie waren durch Stacheldraht und Gräben voneinander getrennt. In Sektion A waren kriminelle Ausländer untergebracht, in Sektion B politische ausländische Häftlinge, in Sektion C Männer, gegen die nichts Bestimmtes vorlag, die aber in politischer oder krimineller Hinsicht als verdächtig galten. ...

    Die Baracken waren aus Holz, mit Dächern aus einer Art wasserdichtem Papier. Sie waren siebenundzwanzig Meter lang und fünfeinhalb Meter breit. In jeder schliefen zweihundert Männer. Innen liefen an der Längsseite hölzerne Plattformen entlang, zwei niedrigere und zwei höhere, jede einsfünfundachtzig breit. Der Abstand zwischen den niedrigen und den höheren Plattformen betrug nicht ganz ein Meter, so daß man auf den niedrigen Plattformen nicht aufrecht stehen konnte. In jeder Reihe schliefen fünfzig Männer. Die Reihen waren durch Pfeiler, die das Dach trugen, in zehn Abteilungen zu zwei Meter siebzig gegliedert; in jeder Abteilung waren fünf Häftlinge untergebracht; jedem stand also ein fünfzig Zentimeter breiter Platz zur Verfügung. Alle fünf mussten auf derselben Seite schlafen und sich alle gleichzeitig umdrehen. Das einzige was in unserer Scheune ... bewegt werden konnte, war das Stroh, das die Plattform bedeckte. Fenster gab es nicht; statt dessen hatte man einfache Rechtecke aus der Holzwand herausgeschnitten, die nun als Fensterläden dienten. Während des Winters 1939 war weder ein Ofen noch Licht noch Wolldecken vorhanden. Das Lager hatte keinen Speisesaal, in den Räumen stand nicht ein einziger Tisch oder Stuhl. Es wurden weder Teller, Löffel oder Gabeln noch Seife ausgegeben. Nur ein Bruchteil der Häftlinge konnte es sich leisten, diese Dinge zu kaufen.

    Die tägliche Ration bestand aus dreißig Gramm Brot, dazu gab es morgens eine Tasse ungezuckerten schwarzen Kaffee, zu Mittag eine Kelle Suppe und abends eine dünne Flüssigkeit, die überhaupt kein Fett, bestenfalls ein par

41  Bruno Frei, Die Männer von Vernet, mehrere Ausgaben und Auflagen, z.B. Deutscher Militärverlag, Berlin 1961. Arthur Koestler, Abschaum der Erde. Autobiographische Schriften, 2. Band. Limes-Verlag 1993

42   Es ist durchaus möglich, dass Frei und Sascha sich schon aus Berlin kannten. Frei wurde nämlich 1929 Chefredakteur der Zeitung „Berlin am Morgen“; Hanka könnte gelegentlich für dieses Blatt geschrieben haben.

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