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Erbsen, Linsen oder Nudeln enthielt. Die paar Gramm Fleisch, die in der Suppe schwammen, waren meistens schon so verdorben, daß nur die Allerhungrigsten ihren Ekel überwanden und es aßen.

    Im Winter wurde vormittags von acht bis elf Uhr, nachmittags von eins bis vier gearbeitet. Das Tageslicht und die schwache Konstitution der unterernährten Männer begrenzten die Arbeitszeit. Die Krankheitsrate lag ständig bei über fünfundzwanzig Prozent, obwohl Simulanten schwere Strafen drohten. ...

    Da der größte Teil der Häftlinge nur das besaß, was er am Leibe trug – alles andere war schon lange gegen ein Päckchen Zigaretten eingetauscht  – arbeiteten die Männer selbst bei zwanzig Grad Kälte in Lumpen und Schuhen ohne Sohlen und schliefen ohne Decken auf der dünnen Strohschicht.

   Viermal am Tag war Appell; das bedeutete jedes Mal eine halbe bis eine Stunde bewegungsloses Stehen in der Eiseskälte. Der kleinste Verstoß wurde mit einem Faustschlag oder Peitschenhieb bestraft, ...

    Mit der Zeit trafen Lebensmittelpakete von daheim ein; zuerst unregelmäßig, dann ein Paket pro Woche. Nach einigen Wochen wurden Kantinen eingerichtet, in denen man zu einem Preis, der etwa fünfzig Prozent über dem Ladenpreis lag, Zigaretten, Käse, Kondensmilch, Brot, Schokolade und Speck einkaufen konnte. Die Kantine und die Lebensmittelpakete führten dazu, daß sich in unserer Baracke eine Klassengesellschaft entwickelte, die die schlimmsten Auswüchse dieses Systems zeigte. ...

    Wenn das Armenviertel in unserer Baracke das Fegefeuer war, so war Baracke 32 das Inferno. Sie war vollkommen dunkel, stank entsetzlich und wimmelte von Ungeziefer und Krankheitskeimen. Keiner der Insassen besaß mehr als ein Paar Socken oder ein Hemd zum Wechseln; viele hatten sogar ihr letztes Hemd gegen ein Paket Zigaretten eingetauscht und liefen unter ihren dünnen zerlumpten Jacken nackt umher. Für etwas Brot wuschen sie nach der Arbeitszeit für andere die Wäsche, flickten Schuhe und putzten Stiefel. Sie erhielten keine Briefe und schrieben auch keine. Sie lungerten im Lager herum und klaubten aus dem Schmutz oder vom Betonboden der Latrinen Zigarettenstummel auf. Selbst die Elendsten und Ärmsten blickten voller Schrecken und Verachtung auf sie herab.

    Diese hundertundfünfzig Männer in der Leprabaracke waren der Rest der Internationalen Brigade – einst der Stolz der europäischen Revolutionsbewegung und die Vorhut der Linken. Sie hatten als Versuchskaninchen für ein Experiment gedient, das man seit der Zeit der Kreuzzüge nicht mehr unternommen hatte: die Formierung einer Armee von Freiwilligen mit der Aufgabe, für ein übernationales Ziel zu kämpfen. ...

    So sah das Leben im Lager von Le Vernet aus, ... Man muß allerdings hinzufügen, das Le Vernet als das schlimmste Lager Frankreichs galt; man muß aber auch erwähnen, daß Verpflegung, Unterbringung und hygienische Bedingungen hier sogar noch schlechter waren als in einem Nazi-KZ.

Sascha wurde im Winter 1939/40 nach Vernet gebracht; der genaue Zeitpunkt und auch der Anlass ist nicht bekannt. Es muss noch ein gewisser Kontakt zu Hanka oder Alexander Grothendieck bestanden haben, denn es existieren einige Fotografien, die Sascha mit Mitgefangenen zeigen, und ein Bild von Sascha, das im Lager angefertigt wurde, gelangte später in Alexanders Besitz und hing viele Jahre in seinem Büro.

    An dieser Stelle soll noch einmal zusammengestellt werden, wann Alexander Grothendieck mit seinem Vater zusammen gelebt hat oder haben könnte. Zunächst waren es seine ersten Lebensjahre von

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