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1928 bis Mitte 1933. Es ist offensichtlich, dass er aus dieser Zeit nur ganz undeutliche Erinnerungen an seinen Vater haben kann. Anfang Mai 1939, also im Alter von elf Jahren, kommt Alexander nach Paris und wird dort von seinem Vater in Empfang genommen; beide erkennen sich nicht mehr gegenseitig. Denkbar, aber nicht belegt ist, dass Alexander bis zur Internierung seines Vaters im Winter 1939/40 zeitweise bei ihm gelebt haben könnte. Cartier sagt, dass nach der deutschen Besetzung Frankreichs, also etwa ab Juni 1940, die Familie kurze Zeit wieder vereint wurde. Dies erscheint aber doch zweifelhaft, denn Alexander selbst schreibt nur von seinem eigenen Aufenthalt in den Lagern Rieucros und Brens und später in Le Chambon. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass er seinen Vater im Lager Le Vernet jemals besucht hat. In der Summe ergibt sich, dass er im Alter von elf und zwölf Jahren seinen Vater höchstens wenige Monate lang gesehen haben kann. Alle persönlichen Eindrücke müssen aus dieser kurzen Zeit seiner Kindheit stammen.

    Bereits am 8.8.1942 (also vor der Besetzung von ganz Frankreich!) begannen die Deportationen der Juden nach Auschwitz, und gleich bei dieser ersten Deportation trifft es auch Alexander Schapiro oder Alexander Tanaroff, was immer auch sein Name gewesen sein mag. Nach zwei Zwischenstationen in Frankreich setzte sich am 14. August 1942 endgültig der Zug in Richtung Auschwitz in Bewegung. In einer Mitteilung des französischen Ministère des Anciens Combattants et Victimes de Guerre heißt es in etwas seltsam anmutender Diktion:

J'ai l'honneur de vous faire connaître que Monsieur TANAROFF .... a été déporté le 14 août 1942 en direction du camp de concentration d'AUSCHWITZ.

Eine Frage, die sich nicht mehr beantworten lässt, bleibt: Als junger Mensch war Sascha in Russland mehrmals aus Gefängnissen und Lagern entflohen und hatte unter abenteuerlichen Umständen viele europäische Grenzen überquert. Er wird als ein unbeugsamer Kämpfer mit einem eisernen Willen beschrieben. Auch aus Vernet sind viele Mitgefangene auf die eine oder andere Weise entkommen. Es gab gut organisierte konspirative Gruppen, vor allem kommunistische. Hatte Sascha nicht mehr die Kraft und den Willen zu fliehen, oder war das doch einfach unmöglich geworden? Nach den in Kapitel 4 zitierten Bemerkungen Grothendiecks über seinen Vater scheint es, dass dieser nach seinen Erfahrungen im spanischen Bürgerkrieg ein „gebrochener“ Mann war und vielleicht nicht mehr die Kraft zum Widerstand hatte. Im übrigen ist es durchaus denkbar, vielleicht sogar wahrscheinlich, dass er als Anarchist seine letzte Niederlage hier in Vernet hinnehmen musste. Intern spielten die Kommunisten in dem Lager die dominierende Rolle; auch an diesem Ort des Widerstandes gegen den Faschismus, gegen die

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