X hits on this document

502 views

0 shares

0 downloads

0 comments

73 / 88

nicht, von wo sie eingeliefert wurde.) In der Folgezeit wechselten Zweckbestimmung und Belegung des Lagers mehrfach. Ab Oktober 1939 wurde Rieucros in ein Lager nur für Frauen (teilweise mit Kindern) mit Häftlingen aus zwanzig Ländern verwandelt. Im Juli 1940 erreichte die Zahl der Internierten mit 570 einen Höchststand. Nach dem Waffenstillstand wurden generell rückkehrwillige Deutsche entlassen, andererseits zunehmend Juden, Kommunisten und Widerstandskämpfer interniert.

    Cartier schreibt, dass nach dem Waffenstillstand im Juni 1940 die Grothendieck-Familie sich vorübergehend in Freiheit befand und dass nach den antijüdischen Gesetzen der Vichy-Regierung im Oktober 1940 Schapiro nach Vernet gebracht wurde. Dies könnte durchaus zutreffend sein, wird aber nicht durch Grothendiecks Bemerkungen bestätigt. Er sagt nichts davon, dass sie um den Juni 1940 noch einmal entlassen wurden und gibt den Zeitpunkt der Einlieferung seines Vaters mit „Winter 1939“ an.

    Ein Buch von M. Gilzmer 43 berichtet ausführlich über das Lager in Rieucros. Es enthält Tagebuchauszüge, Briefe und ähnliche Dokumente und eine ganze Reihe von Zeichnungen, die von den internierten Frauen angefertigt wurden. Das tägliche Leben wird ebenso beschrieben wie die überraschend vielfältigen künstlerischen Aktivitäten, die es dort gab. Auch wird das dramatische Leben von einigen der dort festgehaltenen Frauen kurz dargestellt. Einer ganzen Reihe von ihnen gelang es auszuwandern, viele kehrten in ihre Heimatländer zurück, andere gelangten als Fremdarbeiter nach Deutschland, manche flohen.

    Der Fotograf Willy Maywald hat auf der Suche nach seiner dort internierten Schwester das Lager besucht. Er schreibt 44:

Nach längerem Fahren und Umsteigen kamen wir nach Mendes [sic!], einem kleinen alten Ort in der Lozère, von hohen Bergen umgeben. ... Auf einem hohen Berg, nicht weit von Mendes entfernt, fanden wir das Lager. Es bestand aus Holzbaracken, die um ein altes Kloster [das „Steinhaus“ im Buch von Gilzmer] herumgebaut waren. Es war von einem Stacheldrahtzaun umgeben, aber als wir oben angekommen waren, fanden wir das Tor offen und konnten ohne weiteres hineingehen.

    Schon am Eingang sahen wir Frauen jeden Alters. Manche waren elegant, geschminkt und gepflegt, andere aber sehr heruntergekommen. Ich erkannte sogar einige, die ich in Paris im „Café du Dôme“ gesehen hatte. ...

    Andere Frauen, die Helene uns vorstellte, kamen zu uns an den Tisch. Jede von ihnen hatte ihre Geschichte. Alle hofften, befreit zu werden, aber es ist nur

43   M. Gilzmer: Fraueninternierungslager in Südfrankreich, Orlanda Frauenverlag, Berlin 1994; später weitere Auflagen und Ausgaben, auch ins Französische übersetzt. ...

44 Vgl. Willy Maywald, Die Splitter des Spiegels. Eine illustrierte Autobiographie, Schirmer, München1985.

Document info
Document views502
Page views503
Page last viewedMon Dec 05 15:23:56 UTC 2016
Pages88
Paragraphs551
Words35286

Comments