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wenigen gelungen, denn viele wurden später in das Lager von Gurs gebracht, von wo aus die Transporte dann weiter nach Auschwitz gingen. Alle Nationen waren im Lager vertreten. ...

    Ein kleiner Junge mit großen, dunklen Augen kam an unseren Tisch. ...

Dieser Junge war der spätere Schriftsteller Michel del Castillo, der mit seiner Mutter in Rieucros interniert war. Er ist etwas jünger als Grothendieck, muss dort aber eigentlich die Grundschule besucht haben und im ganzen mit seiner Mutter ähnliche Erfahrungen gemacht haben wir die Grothendiecks. In seinem autobiographischen Roman Tanguy. Histoire d'un enfant d'aujourd'hui schildert er die Zustände im Lager:

Das Konzentrationslager, in das Tanguy mit seiner Mutter gebracht wurde, lag im Süden Frankreichs. ... Das Lager bestand eigentlich nur aus ein paar von Feuchtigkeit zerfressenen Holzbaracken, die mit Stacheldraht umgeben waren.

    Es war ein Sonder-Lager. Die meisten Internierten – in diesem Lager waren nur Frauen – waren Jüdinnen oder politische Häftlinge. Es wurde jedoch gemunkelt, einige von ihnen seien „Prostituierte“. ...

    An jene achtzehn Monate, die sie im Lager verbrachten, hatte Tanguy später nur verschwommene Erinnerungen. Ein Tag verlief wie der Andere. Man wurde vom Geschrei der inhaftierten Frauen geweckt, die sich prügelten, einander beschimpften, die fluchten und lästerten. Kaum wach, war man hungrig. Tanguys deutlichste Erinnerung war später der Hunger. Den ganzen Tag träumte man davon, etwas zu essen. Er wartete gierig auf den Augenblick, in dem die gamelleuses [Kochtopfträgerinnen] vom unteren Ende des Lagers mit dem großen, dampfenden Kessel zu ihnen kommen würden. Aber wenn man die gelbrote Flüssigkeit, die sie „Suppe“ nannten, hinuntergewürgt hatte, war man nur um so hungriger.

    Tanguy beklagte sich nicht. Er wusste, daß seine Mutter auch hungrig war. Stundenlang lag er auf seinem Strohsack ausgestreckt. Er schlief viel, war aber trotzdem immer müde und teilnahmslos. Seine Mutter saß neben ihm und schrieb. Sie beschrieb Hunderte von Seiten. Um sie herum beschimpften die anderen Inhaftierten nicht nur einander, sondern auch sie unaufhörlich.

Man kann sich leicht ausmalen, dass es Hanka, die wie Tanguys Mutter intellektuell und schriftstellerisch interessiert war, ähnlich ergangen ist.

    Von Rieucros aus kann Alexander das Lyzeum in Mende besuchen. Grothendieck erwähnt die Jahre in Rieucros und Mende in seinen Aufzeichnungen nur in wenigen Zeilen. In unmittelbarem Anschluss an das Zitat über seine Schulerfahrungen aus Kapitel 7 schreibt er in ReS:

Im ersten Jahr auf dem Gymnasium in Frankreich, nämlich 1940, war ich mit meiner Mutter in einem Konzentrationslager interniert, in Rieucros bei Mende. Es war Krieg, und wir waren Ausländer – „unerwünschte“, wie man sagte. Aber die Leitung des Lagers drückte bei den Jungen im Lager ein Auge zu, so unerwünscht wir auch gewesen sein mögen. Wir gingen so ziemlich wie wir wollten aus und ein. Ich war der älteste und der einzige, der auf das Gymnasium ging, vier oder fünf Kilometer entfernt, ob es schneite oder stürmte, wie der Zufall

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