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und das Schicksal es wollten.

Im folgenden Abschnitt beschreibt Grothendieck dann, wie im Mathematik-Unterricht der Lehrer sklavisch dem Lehrbuch folgte ohne jedes eigene Verständnis und eigenes Urteil, eine Haltung, von der Grothendieck sagt, dass sie ihm in seinem späteren Leben immer wieder begegnet sei:  

Später und noch bis heute habe ich reichlich Gelegenheit gehabt zu sehen, dass diese Einstellung keinesfalls die Ausnahme, sondern vielmehr die fast universelle Regel ist.

In einer Fußnote zu „Esquisse d'un Programme“ (vgl. Kapitel ??) erwähnt er eine weitere kleine Anekdote aus dem Lager Rieucros:

... zu der Zeit als ich ungefähr zwölf Jahre alt war, war ich im Konzentrationslager Rieucros (bei Mende) interniert. Es war dort, dass ich von einer anderen Internierten, Maria, die mir umsonst Privatunterricht gab, die Definition des Kreises lernte. Diese beeindruckte mich sofort durch ihre Einfachheit und Evidenz, während früher die Eigenschaft der „perfekten Rundheit“ des Kreises mir als unbeschreiblich mysteriös erschien. Ich glaube, dass ich in diesem Augenblick zum ersten Mal (ohne dass ich mir das natürlich richtig klar machte) einen Eindruck von der schöpferischen Kraft einer „guten“ mathematischen Definition erhaschte, einer Formulierung, die das wesentliche erfasst. ...

Am 14.2.1942 wurde das Lager Rieucros aufgelöst und die verbliebenen 320 Insassen nach Brens (bei Galliac im Department Tarn) transferiert. Die Lebensbedingungen dort waren eher noch schlechter. Besondere Schwierigkeiten ergaben sich aus der Tatsache, dass ein erheblicher Teil (zeitweise bis ein Drittel) der Insassen französische Prostituierte waren. Der stellvertretende Generalinspektor der Internierungslager berichtet im April 1943 von unkontrolliertem Sexualleben; mehrere Wärter wurden wegen sexueller Beziehungen zu Internierten entlassen. Man kann sich leicht vorstellen, dass die Situation für Hanka mit einem Sohn von vierzehn Jahren besonders schwierig war. Ob und wie Alexander dort die Schule besuchen kann, ist genau so wenig bekannt wie die Dauer seines Aufenthaltes.

    Einige Monate nach der Ankunft in Brens werden Hanka und Schurik getrennt. Hanka hatte sicher gehört, was in ganz Frankreich bekannt war, nämlich dass in dem nicht sehr weit entfernten Ort Le Chambon sur Lignon vor allem jüdische und andere verfolgte Kinder Zuflucht finden und sogar die Schule besuchen konnten. Jedenfalls gelangt Alexander in diesen Ort, über den im nächsten Kapitel mehr berichtet werden wird. Genau um diese Zeit setzten die systematischen Deportationen der Juden aus den Lagern ein, vielleicht hat ihm die Übersiedlung nach Le Chambon das Leben

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