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Intellektuelle, die schon einmal vor den Nationalsozialisten geflüchtet waren, befanden sich wieder auf der Flucht, als „Unerwünschte“ gebrandmarkt. Ende Oktober 1940 wurden viele von ihnen im Lager Gurs interniert, zusammen mit etwa 6500 Juden aus Baden und Saarpfalz. Unter ihnen waren besonders viele Alte, Kranke und Kinder. ...

    Viele Internierte wurden von Lager zu Lager innerhalb Frankreichs verschoben, andere erhielten Emigrationserlaubnis oder Arbeitszulassung in Frankreich. Nur wenigen gelang die Flucht. Über 1800 Menschen starben im Lager Gurs. Vom 6. August 1942 bis zum 3. März 1943 wurden 4000 Internierte über das Sammellager Drancy bei Paris nach Auschwitz verschleppt.

Die Lage in Gurs beschreibt am besten ein Bericht vom Arzt Doktor Ludwig Mann, der zu dieser Zeit interniert war: „Die Baracken waren kalt, feucht, zugig und schmutzig, die Strohsäcke lagen auf den schiefen Bretterböden, schlecht gefüllt mit muffigem Stroh. Es gab Wanzen und Läuse, Ratten und Flöhe; aber kein Essgeschirr und kein Trinkgefäss. Alles Gepäck, die 20 kg, die pro Person erlaubt waren, war von den Gepäckcamions auf die Lagerstrasse geworfen worden und lag in wüstem Durcheinander in Dreck und Regen. Nur kleine Dinge hatte jeder bei sich, vielleicht einen Becher, ein Messer, mit denen sich mehrere behelfen mussten. Wir waren völlig benommen vom plötzlichen Schock der plötzlichen Deportation aus der Heimat ... Viele begriffen immer noch nicht, was mit ihnen geschehen war. Man sass auf den Strohsäcken herum, hinaus konnte man nicht. Es regnete und regnete. ... „

Es gibt Hinweise, dass Hanka über ihr Leben in den Lagern in einer Fortsetzung von „Eine Frau“ berichtet hat. Es wäre im höchsten Maße bedauerlich, wenn dieses unersetzliche zeithistorische Dokument vernichtet worden wäre.

Wir wollen jetzt noch einmal einige Jahre und zwei Stationen zurückblenden. Wir hatten in Kapitel 5 schon Alfred Döblin erwähnt, den ein bemerkenswerter Zufall – oder vielleicht eben doch kein Zufall – ebenfalls nach Mende führte. Wie gesagt, emigrierte auch Döblin mit seiner Familie im Jahr 1933 von Berlin nach Paris. Nach der deutschen Invasion Frankreichs entschließt er sich, Paris zu verlassen, und am 10.6.1940 beginnt seine Flucht, die ihn über Südfrankreich, Spanien und Portugal bis nach Hollywood führen wird. Er wird auf dieser „Schicksalsreise“ von seiner Familie getrennt und strandet einige Wochen in Mende. Die albtraumartige Atmosphäre dieser Wochen (im Juni 1940) – aber auch ein wenig von dem „täglichen Leben“ mit überfüllten Straßen und Zügen und ziellos umherirrenden Menschen –  wird in der „Schicksalsreise“ eindringlich geschildert (z.B. das für Albträume typische Motiv des „verlorenen und nicht mehr auffindbaren Gepäcks“) 47. Allerdings wurde er nicht im Lager Rieucros untergebracht, sondern in der Stadt selbst, in einem für die vielen Flüchtlinge provisorisch

47 W. Muschg, loc. cit., vergleicht diesen Abschnitt der „Schicksalsreise“ mit Dostojewskijs „Aus einem Totenhause“.

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