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getan hat, ist einmalig. Die Ereignisse in dieser Stadt zu jener Zeit haben den Stoff für Romane, Filme und dokumentarische Berichte abgegeben. Die folgende Darstellung stützt sich vor allem auf das Buch von Philip P. Hallie: „Lest innocent blood be shed: The story of the village of Le Chambon  and how goodness happened“ 49.

    Vielleicht hat sich in die soeben begonnene Schilderung der Geschichte von Le Chambon schon ein falscher Zungenschlag eingeschlichen. Das eigentliche Ziel der Leute von Chambon war nicht (wie gerade gesagt) der Widerstand gegen das Nazi-Regime, sondern schlicht und einfach die Befolgung des biblischen Gebotes: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.

    Seit Jahrhunderten sind es die Bewohner dieser Gegend gewohnt, in Opposition zur Obrigkeit zu leben. Sie sind nämlich Protestanten, und seit dem Widerruf des Toleranz-Ediktes von Nantes im Jahre 1684 wurden die Protestanten in Frankreich verfolgt, ihre Pastoren gefoltert und vielfach getötet. Sie wanderten in großer Zahl aus oder flüchteten sich in abgelegene Bergregionen, die ihnen ein Überleben ermöglichten. Sie lebten nach den Geboten der Bibel und bekannten sich zu Gewaltfreiheit und Nächstenliebe. Sie waren nicht, was man vielleicht vermuten könnte, religiöse Schwärmer oder Fanatiker, ihr Handeln war nicht auf das Jenseits, sondern auf das Diesseits gerichtet.

    Was wahrhaftig nicht selbstverständlich war, war für sie selbstverständlich: als die verzweifelt in Frankreich umherirrenden Juden nach Hilfe suchten, diese Flüchtlinge nicht abzuweisen, sondern aufzunehmen, zu versorgen, ihnen gefälschte Lebensmittelkarten und Ausweise zu besorgen und viele von ihnen bei Nacht und Nebel über die Schweizer Grenze zu schmuggeln. Zahlreiche Bewohner von Le Chambon haben später erklärt, dass sie sich gar nicht viel Gedanken über ihr Tun machten, über die Gefahr, in die sie sich selbst und ihre Familien brachten; sie erklärten, sie hätten nicht anders handeln können.

    Es ist klar, dass eine kollektive Anstrengung dieser Art auch auf dem Boden gemeinsamer Überzeugungen noch nicht von selbst zum Erfolg führt, sondern dass es dafür auch einer energischen, planenden und vorausschauenden Führung bedarf. Tausenden von verfolgten Menschen verhilft man unter den Augen der Vichy-Polizei und später der Gestapo nicht mal so eben zu Unterkunft, Nahrung, sogar Schulbildung und im richtigen Augenblick zur Flucht.

    Diese führende Rolle fiel dem protestantischen Pastor André Trocmé (1901 – 1971) zu, gemeinsam mit seiner Frau Magda und seinem Kollegen Edouard Theis. Eine Flüchtlingsfrau, die sich später an ihre Ankunft in Le Chambon erinnerte, hat es so formuliert:

49  Dieses Buch ist in zahlreichen Ausgaben und Auflagen erschienen bei Harper & Row, New York. Wir erwähnen weiter: ?????

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