X hits on this document

469 views

0 shares

0 downloads

0 comments

8 / 88

jeweils für kurze Zeit. Richtig unterkriegen ließ er sich aber nie. Ab etwa 1924 betrieb er mit seinen Söhnen einen Handel mit frischen Fischen aller Art, die er auf einem motorisierten Dreirad verkaufte. Auch seinen alten Beruf als Kellner nahm er zeitweise wieder auf.

    Als es eigentlich für sein Leben schon zu spät war, gewann er nach jahrelangem Streit einen Gerichtsprozess (bei dem es wohl um frühere Pachtverträge ging) und erhielt eine Entschädigung, die es ihm Mitte der zwanziger Jahre erlaubte, ein kleines heute noch existierendes Siedlungshäuschen in ... zu erwerben. Vielleicht bekam er jetzt wieder etwas Boden unter die Füße. Insgesamt ist sein Schicksal nicht untypisch für viele kleinere Gewerbetreibende in diesen Jahrzehnten. Ungezählte ähnliche Existenzen in Deutschland wurden durch Krieg, Zusammenbruch, Wirtschaftskrise und Inflation vernichtet.

    Die Beziehungen zu seinen Kindern und Enkelkindern scheinen sich nach dem Tod seiner zweiten Frau (im Jahr 1928) sehr gelockert zu haben. Von seinem Enkel Alexander hat er möglicherweise keinerlei Notiz genommen; dessen ältere Halbschwester lebte als Baby und Kleinkind dagegen einige Zeit bei den Großeltern. Er heiratete noch ein drittes Mal und starb kurz vor Kriegsende. Die Verwandten erzählen noch heute, dass trotz aller Schicksalsschläge Albert Grothendieck sich sein ganzes Leben lang einen gewissen Optimismus und die Haltung eines Gentleman bewahrt hat.

    Über das Leben dieser Familie unterrichtet vor allem ein unveröffentlichter autobiographischer Roman mit dem Titel „Eine Frau“ von Hanka Grothendieck, wie sich die Tochter Johanna ab den späten zwanziger Jahren nannte. Auf dieses Buch werden wir später noch ausführlich zu sprechen kommen. Es ist eine der wichtigsten Quellen für diese Biographie. Deswegen soll schon jetzt eine grundsätzliche Bemerkung dazu gemacht werden: Zwar handelt es sich zweifellos um einen Roman und keine Autobiographie im eigentlichen Sinne, die Überprüfung vieler Details hat jedoch ergeben, dass Hanka tatsächlich wahrheitsgemäß, wenn auch vielfach unter Verwendung von Decknamen, ihr eigenes Leben, das ihrer Familie und das ihrer Lebensgefährten beschreibt. Es kann selbstverständlich sein, dass das ein oder andere Detail, das sich auf diesen Text beruft, nicht ganz zutreffend dargestellt wird. Aber nicht nur in der Gesamttendenz, sondern auch in vielen Einzelheiten zeichnet Hanka gewiss ein wahrheitsgemäßes Bild ihres eigenen Lebens und das ihrer Angehörigen. Ihre Darstellung wird durch alle aufgefundenen Dokumente, aber auch durch Familienerinnerungen und Mitteilungen aus der Enkelgeneration bestätigt. (Im folgenden wird „Eine Frau“ meistens zitiert als EF.)

Der erste Teil von „Eine Frau“ liest sich also wie ein Bericht über den dramatischen „Niedergang einer Familie“. Schon die wenigen

Document info
Document views469
Page views470
Page last viewedFri Dec 02 20:31:34 UTC 2016
Pages88
Paragraphs551
Words35286

Comments