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„Bei meiner Ankunft sah ich Pastor André Trocmé, und ich wusste sofort, dass er die Seele von Le Chambon war.“

    Auch das Leben Trocmés ist so abenteuerlich, dass es Stoff für drei Romane abgeben würde – und es kann einfach kein Zufall sein, dass im Leben Grothendiecks immer wieder Menschen dieser Art eine so bedeutende Rolle gespielt haben. Soweit das bisher zu übersehen ist, erwähnt Grothendieck in seinen Aufzeichnungen Trocmé nicht. Es erscheint jedoch sehr wahrscheinlich, dass er ihn wenigstens gelegentlich gesehen hat, aber zu einem näheren kennenlernen scheint es nicht gekommen zu sein. Grothendieck schreibt merkwürdig wenig über seine Zeit in Le Chambon, und der Gedanke, dass dort Menschen ihr Leben aufs Spiel setzten (und einige es auch verloren, z.B. einer der Lehrer am Collège Cévenol) um das seine zu retten, ist ihm anscheinend nicht gekommen.

    Eine Biographie Trocmés, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, ist offenbar bisher noch nicht geschrieben worden; wir stützten uns daher im wesentlichen auf das schon zitierte Buch von Hallie.

André Trocmé, Sohn eines hugenottischen Vaters und einer deutschen Mutter, wurde 1901 in Saint-Quentin in der Picardie in Nordostfrankreich geboren. Seine Jugendjahre verbrachte er in den Bergwerks- und Industriestädten, nahe der belgischen Grenze. Er lernte schon in seiner Kindheit das Elend und die sozialen Probleme des Industrieproletariats kennen. Dann kam der erste Weltkrieg; der Ort wurde von den Deutschen besetzt, die Stadt hungerte und blutete allmählich zu Tode. Durch die Straßen zogen Trupps von kriegsgefangenen russischen Zwangsarbeitern, die zu Schanzarbeiten eingesetzt wurden. Wer vor Schwäche umfiel wurde von den Wachsoldaten erschlagen oder erschossen. Trocmé wurde Mitglied einer protestantischen Gewerkschaft, einer sowohl religiös als auch sozial engagierten Gemeinschaft. Er erfuhr, was menschliche Solidarität ist und bewirken kann. Als der Krieg sich schon dem Ende näherte und die Niederlage der Deutschen abzusehen war, lernte er einen deutschen Soldaten kennen, einen Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen. Der Mann diente als Fernmelder und hatte es durchgesetzt, dass er keine Waffe tragen musste, nicht einmal ein Messer. Er sagte zu André: „Ich werde deinen Bruder nicht töten. Ich werde keinen Franzosen töten. Gott hat uns aufgegeben, dass ein Christ nicht töten darf, niemals. Wir tragen niemals Waffen.“

    Nach dem Krieg lag Saint-Quentin in Trümmern, und die Trocmés zogen nach Paris, wo André sein baccalaureat bestand. Er studierte anschließend Theologie; seit seiner Kindheit war klar gewesen, dass er Pastor werden würde. Hier schloss er sich einer internationalen pazifistischen Organisation an (The Fellowship of

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