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Naturwissenschaften kooperierte man mit der öffentlichen Schule gleich gegenüber. Unter der Bedrohung von Hitler-Deutschland war es schwierig, den Gedanken der Gewaltlosigkeit und des Widerstandes gegen den Wehrdienst durchzusetzen. Selbst viele Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen wurden in diesen Monaten und Jahren schwankend in ihrer Haltung und ihren Überzeugungen. Bald kamen aber auch die ersten Flüchtlinge aus Mittel- und Osteuropa als Schüler – der Anfang war gemacht und die Schule hatte von Anfang an eine internationale Ausrichtung.

    Mit Kriegsbeginn und einige Monate später mit der Installation des halbfaschistischen Vichy-Regimes wurde die Schule zum Kristallisationspunkt des Widerstandswillens der Bevölkerung von Le Chambon. Was eine mehr instinktive dunkle Ablehnung der Obrigkeit gewesen war, wurde jetzt klar und bewusst gewollt. An einigen mehr symbolischen Ereignissen schärfte sich dieses Bewusstsein der Menschen von Le Chambon.

    Das erste dieser Ereignisse war der „Flaggenappell“. Es war von den Behören befohlen worden, dass die Schüler täglich im Halbkreis um den Fahnenmast versammelt zum Flaggenappell anzutreten hatten. Es gelang, diese Veranstaltung in ihre eigene Parodie zu verwandeln, die dann schließlich auch noch unterblieb. Dann wurde von den Behörden angeordnet, dass zu Petains Geburtstag alle Kirchenglocken zu läuten hätten. Mit dem Argument, dass die Glocken nur für Gott läuteten, weigerten sich die Protestanten, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Doch dann wurde es ernst: Trocmé wurde vorgeladen, um den Treueid auf das Vichy-Regime zu leisten; er weigerte sich so konsequent, dass schließlich nichts anderes übrig blieb, als ihn wieder nach Hause zu schicken. Der Jugendminister erschien zu einer Festveranstaltung und sprach über die Schwierigkeiten, die die Juden dem Land bereiteten. Eine Abordnung der Schüler (zweifellos von Trocmé instruiert) erschien bei ihm und erklärte, dass sie nur Menschen, keine „Juden“ kennen.

    Offensichtlich hatten die Einwohner von Chambon gute Verbindungen zur französischen Polizei, und sie wurden immer rechtzeitig gewarnt, wenn eine Razzia der Polizei oder auch der Deutschen bevorstand. Ein ausgeklügeltes konspiratives System sorgte dann dafür, dass alle gefährdeten Personen in Windeseile in den Wäldern oder auf entlegenen Bauernhöfen verschwanden. (So ist es auch dem Schüler Grothendieck einige Male ergangen.) Tatsächlich wurde in dieser ganzen Zeit nur ein einziger Flüchtling in Chambon festgenommen.

    Trotzdem wurde die Situation für Trocmé, der als Anführer dieses Widerstandes in ganz Frankreich bekannt war, immer schwieriger, insbesondere nachdem im Sommer 1943 ein bekannter Polizei-Spitzel von den französische Widerstandskämpfern, den Maquis, auf offener Straße in Le Chambon erschossen worden war. Die Gestapo  

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