X hits on this document

529 views

0 shares

0 downloads

0 comments

83 / 88

beschloss, Trocmé zu liquidieren, und setzte einen Preis auf seinen Kopf aus. Entgegen seiner inneren Überzeugung (die ihm gebot an seinem Platz zu bleiben) ging er in den Untergrund, jetzt selbst mit einem gefälschten Ausweis und gefälschten Lebensmittelkarten versorgt. Auch Eduard Theis stand auf der Todesliste der Gestapo und musste ebenfalls aus Chambon verschwinden. Er übernahm jetzt eine noch gefährlichere Aufgabe als die Leitung der Schule. Er wurde Mitglied der Cimade (einer heute noch bestehenden Organisation, die sich Flüchtlingen und Aussiedlern aus aller Welt annimmt)  und geleitete viele Flüchtlinge zu der schweizerischen Grenze. So wurde der Leiter der Jungen-Schule, Roger Dessirac, der führende Mann in Le Chambon. So unauffällig wie möglich organisierte er den Widerstand, wozu schwierige und riskante Aktionen gehörten, z.B. die Verteilung der von den Engländern und gaullistischen Truppen mit dem Fallschirm abgeworfenen Güter.

    Es ist vielleicht nahezu unmöglich, mit so großem zeitlichen Abstand ein wirklich zutreffendes Bild der Ereignisse zu zeichnen. Es muss zum Beispiel überraschen, dass die Deutschen keine wirklich ernsthaften Anstrengungen unternahmen, das Widerstandsnest Le Chambon (und die ganze Gegend) auszuräuchern. Es war jedoch offensichtlich so, dass der örtliche deutsche Befehlshaber, Major Schmehling, ganz bewusst die Franzosen gewähren ließ und in den letzten Monaten, den geplanten Einsatz der Tataren-Legion (hauptsächlich bestehend aus russischen Kriminellen, die gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt wurden) des SS-Sturmbannführers Metzger verhinderte. Schließlich wurde im Sommer 1944 auch Chambon befreit, und der Schrecken hatte ein Ende, auch wenn sich an der bitteren Armut der Bewohner viele Jahre lang nichts änderte.

Wir kommen jetzt zu Alexander Grothendieck zurück und müssen sofort feststellen, dass wir über seine Zeit in Le Chambon nur ganz wenig wissen. Wir kennen bisher nicht einmal die ungefähren Daten seines Aufenthaltes dort; wir können nur versuchen, sie zu rekonstruieren: Es wurde schon gesagt, dass das Lager in Rieucros Mitte Februar 1942 aufgelöst wurde. Er schreibt selbst, dass er danach noch einige Monate in Brens war; demnach müsste er im Sommer 1942 nach Le Chambon gekommen sein, spätestens zum Schuljahr 1942/43, als er 14 Jahre alt war. Er wurde dann in dem Heim (oder Internat) La Guespy untergebracht, das von schweizerischen Organisationen finanziert wurde (Secours Suisse). Wie lange er dort geblieben ist, steht ebenfalls nicht mit Sicherheit fest. Es müssten  drei Schuljahre gewesen sein bis zum Sommer 1945. Früher könnte er kaum das baccalaureat abgelegt haben, und im Herbst 1945 beginnt er sein Studium in Montpellier.

    Die Frau, die La Guepsy leitete, hat sich ganz kurze Notizen über ihn gemacht, die wir im französischen Original wiedergeben:

Document info
Document views529
Page views530
Page last viewedThu Dec 08 21:15:36 UTC 2016
Pages88
Paragraphs551
Words35286

Comments