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Andeutungen, die wir gemacht haben, zeigen, dass allein das Leben Albert Grothendiecks Stoff genug für einen Roman liefert, der eine vielleicht deprimierende, aber jedenfalls nicht untypische Lebensgeschichte dieser Zeit beschreibt.

    Es ist gut vorstellbar (wenn auch reine Spekulation), dass diese Kindheitserlebnisse mit zum Ausbruch Hankas aus der bürgerlichen Welt beigetragen haben. Grothendieck selbst ist der Meinung, dass das problematische Verhältnis zwischen seinem Großvater und seiner Mutter einer der Gründe für spätere Spannungen und Brüche in der Familie ist. Es ist sogar die Vermutung geäußert worden, dass diese Spannungen eine erotische oder sexuelle Komponente hatten. Das lässt sich jedoch nicht konkret belegen und erscheint insgesamt eher unwahrscheinlich: Nach allem, was wir über Hanka wissen, hätte sie es sich nämlich nicht entgehen lassen, in ihrem Buch ausführlich darüber zu sprechen, wenn zwischen ihr und ihrem Vater „etwas“ gewesen wäre. Auch wenn Grothendieck von seiner Mutter mehr erfahren haben könnte, als heute bekannt ist, so kann man wohl doch davon ausgehen, dass er diese Beziehung dramatischer und folgenschwerer sieht, als sie wirklich war.

    Es ist derzeit fast unmöglich, etwas sicheres über Grothendiecks Großmutter Anna mitzuteilen. Einer ihrer Neffen, der sich noch an sie erinnert, sagt: „Sie war eine Dame“. Da sie selbst aus einem begüterten Hause stammte, muss der geschilderte wirtschaftliche Niedergang sie noch mehr getroffen haben als ihren Mann. Sie war zu stolz, ihre Verwandten um Unterstützung zu bitten, aber ganz werden ihre Angehörigen sie nicht im Stich gelassen haben. Mit dieser Feststellung sind wir aber schon fast im Bereich von Vermutungen. Anna ist bereits 1928 gestorben (am 3. Oktober); außer dem erwähnten Neffen leben keine Personen mehr, die sie noch gekannt haben. Man ist also ganz auf das angewiesen, was Hanka in „Eine Frau“ über ihre Mutter schreibt. (Wie gesagt, gibt es keinen Anlass daran zu zweifeln, dass Hankas Darstellung im wesentlichen dem tatsächlichen Geschehen entspricht.)

    Demnach hatten ihre Eltern sie vor der Ehe mit dem etwas windigen Albert Grothendieck gewarnt, eine Kritik, die sich später nur noch verfestigte: Ein Hotelbesitzer und Kaufmann, der vierspännig zu Pferderennen fuhr, das konnte nicht gut gehen! In den Sommerferien besuchte Anna mit einigen ihrer Kinder regelmäßig ihre Eltern. Ganz gewiss wurde ihr gerade dort, in der Ruhe und Gediegenheit eines großen mecklenburgischen Bauernhofes mit allem, was dazu gehört (man kann sich die alten Eichen und Findlinge an der Hofeinfahrt vorstellen) bewusst, was alles in ihrem Leben falsch gelaufen war. Tatsächlich wurde sie in ihrer Ehe durch ihre Pflichten als Ehefrau, Hausfrau, Mutter von fünf nicht einfachen Kindern, durch die immer schlechter werdenden wirtschaftlichen Verhältnisse, durch Schwangerschaften

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